In vielen mitt­le­ren KMU ist die IT längst geschäfts­kri­tisch. Ein kleines internes Team hält den Betrieb am Laufen, meist kom­pe­tent und mit hohem Einsatz. Was fehlt, sind selten Fach­kennt­nisse. Es fehlen Prozesse. Und es braucht davon weniger, als die meisten Geschäfts­lei­tun­gen annehmen.

Ein Muster, das sich wiederholt

Ein Unter­neh­men mit rund 150 Mit­ar­bei­ten­den, ein bis zwei Personen in der IT. ERP, Datei­ab­lage, Kom­mu­ni­ka­tion, Remote-Zugriff, alles im eigenen Haus betreut. Die IT funk­tio­niert im Alltag. Aber oft sehe ich ähnliche Situa­tio­nen vor Ort.

Ein neuer Mit­ar­bei­ter tritt ein. HR meldet das per E‑Mail oder mit einem Papier-Formular. Hardware muss bestellt, Konten müssen eröffnet, Berech­ti­gun­gen vergeben, Lizenzen zuge­wie­sen, Tele­fo­nie ein­ge­rich­tet werden. Wo der Auftrag gerade steht, weiss niemand ver­läss­lich. Beim Austritt läuft dasselbe rück­wärts, mit dem Unter­schied, dass ein ver­ges­se­ner Zugang kein Ärgernis, sondern ein Sicher­heits­pro­blem ist.

Und Stö­run­gen? Die Benutzer rufen an, schrei­ben eine E‑Mail an eine per­sön­li­che Adresse oder stehen direkt im Büro der IT. Wer den kür­zes­ten Weg zur IT hat, wird zuerst bedient.

Was dabei unsicht­bar bleibt

Das eigent­li­che Problem ist nicht der fehlende Komfort, sondern die fehlende Grund­lage für Entscheidungen.

Die Rei­hen­folge entsteht zufällig. Die Stö­run­gen werden in der Rei­hen­folge des Ein­tref­fens oder nach Goodwill behan­delt. Es besteht keine Prio­ri­sie­rung nach defi­nier­ten Kri­te­rien. Meist ist es so, dass wer lauter ist, auch zuerst bedient wird.

Die Dauer ist nicht messbar. Niemand kann sagen, wie lange die Behebung einer Störung im Schnitt dauert. Damit lässt sich weder gegen­über den Fach­be­rei­chen etwas zusagen noch gegen­über einem externen Dienst­leis­ter etwas einfordern.

Häu­fun­gen fallen nicht auf. Dieselbe Störung tritt im Quartal dreissig Mal auf, wird dreissig Mal behoben und nie gezählt. Es wird die Störung behoben, nicht die Ursache beseitigt.

Das Wissen hängt an Personen. Der Verlauf einer Störung liegt im Kopf und im Postfach einer ein­zel­nen Person. Ferien, Krank­heit oder ein Austritt machen daraus ein Betriebsrisiko.

Warum ITIL für die meisten KMU die falsche Antwort ist

Wer sich mit dem Thema Service Manage­ment in der IT befasst, landet schnell bei ITIL. Das aktuelle Rah­men­werk umfasst 34 Prak­ti­ken, dazu ein eigenes Voka­bu­lar, Rol­len­mo­delle und Zer­ti­fi­zie­rungs­pfade. Für einen Konzern mit einer IT-Orga­­ni­­sa­­tion von mehreren hundert Personen ist das sinnvoll. Für ein Team von zwei Personen bedeutet eine flä­chen­de­ckende Ein­füh­rung mona­te­lange Arbeit an Doku­men­ten, die im Alltag niemand liest.

Solche Projekte enden auf zwei Arten. Entweder werden sie nach der Hälfte abge­bro­chen, oder es entsteht ein Regel­werk, das im Ordner steht, während im Betrieb weiter zuge­ru­fen wird.

Das heisst nicht, dass die Inhalte falsch wären. Die Trennung von Störung und Anfrage, eine nach­voll­zieh­bare Prio­ri­sie­rung, eine defi­nierte Eska­la­tion: das ist unab­hän­gig von der Unter­neh­mens­grösse richtig. Falsch ist der Umfang, in dem es übli­cher­weise ein­ge­führt wird.

Vier Prozesse und eine Liste

Für den Einstieg genügen fünf Elemente. Sie sind in wenigen Wochen umsetzbar.

  1. Ein einziger Ein­gangs­ka­nal. Jede Meldung wird erfasst, auch die, die mündlich her­ein­kommt. Der Zuruf im Gang wird nicht ver­schwin­den und muss es auch nicht. Er muss nur im System landen. Ohne Erfas­sung gibt es nichts zu steuern. In der Fach­spra­che ist das der Einstieg ins Incident Manage­ment, die struk­tu­rierte Behand­lung von Störungen.
  2. Eine einfache Prio­ri­sie­rung. Zwei Dimen­sio­nen, Aus­wir­kung und Dring­lich­keit, mit je drei Stufen reichen aus. Ent­schei­dend ist, dass die Kri­te­rien von der Geschäfts­lei­tung mit­ge­tra­gen und den Fach­be­rei­chen bekannt sind. Sonst bleibt die Prio­ri­sie­rung eine Meinung der IT und wird bei jeder Gele­gen­heit übersteuert.
  3. Wie­der­keh­rende Aufträge als defi­nier­ter Ablauf. Ein- und Austritt sind keine Stö­run­gen, sondern planbare Stan­dard­auf­träge. Als Check­liste hin­ter­legt, aus­ge­löst durch HR, mit Termin und klaren Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Damit wird der Eintritt pünkt­lich und der Austritt voll­stän­dig. Gemeint ist damit das Service Request Manage­ment, die Bear­bei­tung von Serviceanfragen.
  4. Eine monat­li­che Aus­wer­tung. Anzahl Mel­dun­gen, Kate­go­rien, durch­schnitt­li­che Bear­bei­tungs­dauer, Wie­der­ho­lungs­fälle. Das ist eine Aus­wer­tung von zwanzig Minuten. Erst ab hier lässt sich an Ursachen arbeiten, was unter dem Begriff Problem Manage­ment läuft, und erst ab hier ist eine sach­li­che Dis­kus­sion über Res­sour­cen möglich.
  5. Ein schlan­ker Ser­vice­ka­ta­log. Eine Liste der IT-Services, die tat­säch­lich betrie­ben werden, mit je zwei Sätzen: was der Service leistet, wer ihn fachlich ver­ant­wor­tet, wer ihn tech­nisch betreibt. Für ein KMU passt das auf wenige Seiten. Der Nutzen zeigt sich sofort: Erst wenn sichtbar ist, was betrie­ben wird, lässt sich beur­tei­len, was ein Ausfall bedeutet, was der Betrieb kostet und wo Dop­pel­spu­rig­kei­ten oder ver­waiste Anwen­dun­gen exis­tie­ren. Nebenbei liefert der Katalog die Kate­go­rien für das Ticket­sys­tem und damit die Struktur für die Auswertung.

Mehr braucht es zu Beginn nicht. Kein Change Advisory Board, kein Katalog über vierzig Seiten mit Service-Level-Zusagen für jede Anwen­dung, keine Kenn­zah­len­samm­lung, die niemand liest.

FitSM und YaSM als Orientierung

Zwischen «gar nichts» und ITIL liegen leicht­ge­wich­tige Rah­men­werke, die genau für diese Situa­tion gemacht sind.

FitSM stammt aus dem euro­päi­schen For­schungs­um­feld, ist unter einer offenen Lizenz frei ver­füg­bar und for­mu­liert seine Anfor­de­run­gen bewusst knapp und über­prüf­bar. Die Struktur ori­en­tiert sich an ISO 20000, ohne deren Aufwand zu ver­lan­gen. Stö­run­gen und Ser­vice­an­fra­gen sind dort in einem einzigen Prozess zusam­men­ge­fasst, was der Realität eines kleinen Teams näher kommt als eine saubere Trennung auf dem Papier. Die oben beschrie­be­nen fünf Elemente finden sich hier wieder, verteilt auf vier der ins­ge­samt vierzehn Prozesse.

YaSM ist ein ver­ein­fach­tes Pro­zess­mo­dell aus dem Umfeld der bekann­ten ITIL-Pro­­zes­s­­lan­d­­kar­­ten. Es beschreibt in rund zwanzig Pro­zes­sen, wie ein Dienst­leis­tungs­er­brin­ger arbeitet, deutlich schlan­ker und ohne die Ter­mi­no­lo­gie­last des grossen Vorbilds.

Die Werk­zeug­frage kommt übrigens zuletzt. Brauch­bare Ticket­sys­teme kosten wenige Franken pro Benutzer und Monat. Die Hürde ist nie die Lizenz, sondern die Frage, wer wofür zustän­dig ist.

Zwei Fragen vor der Einführung

Bevor inves­tiert wird, lohnen sich zwei Abklärungen.

Erstens: Ist das fehlende Service-Mana­ge­­ment tat­säch­lich das Problem, oder macht es nur ein anderes sichtbar? Sehr häufig zeigt sich, dass die Zustän­dig­kei­ten zwischen Fach­be­rei­chen und IT nie geklärt wurden. Ein Ticket­sys­tem legt das offen, löst es aber nicht.

Zweitens: Welchen Nutzen erwartet die Geschäfts­lei­tung konkret? Kürzere Aus­fall­zei­ten, planbare Ein­tritte, eine belast­bare Grund­lage für Res­sour­cen­ent­scheide oder eine saubere Aus­la­ge­rung von Teilen des Betriebs. Je nach Antwort sehen die ersten Schritte anders aus.

Genau diese Ein­ord­nung ist Gegen­stand einer IT-Stan­d­or­t­­be­­stim­­mung. Sie betrach­tet neben den Pro­zes­sen auch Stra­te­gie, Kosten, Sicher­heit, Infra­struk­tur und Orga­ni­sa­tion und zeigt, wo der Hand­lungs­be­darf am grössten ist. Manchmal lautet das Ergebnis, dass ein ein­fa­ches Ticket­sys­tem die güns­tigste Mass­nahme mit der grössten Wirkung ist. Manchmal lautet es, dass zuerst die Ver­ant­wort­lich­kei­ten geklärt werden müssen. Beides ist ein brauch­ba­res Ergebnis, solange es vor der Inves­ti­tion vorliegt und nicht danach.