Ein neues ERP-System ein­zu­füh­ren oder das bestehende zu ersetzen, gehört zu den weit­rei­chends­ten Ent­schei­dun­gen, die ein Unter­neh­men treffen kann. Es betrifft fast jeden Geschäfts­pro­zess, bindet über Jahre Res­sour­cen und prägt, wie Mit­ar­bei­tende täglich arbeiten. Umso erstaun­li­cher ist es, wie häufig solche Projekte mit der Frage starten: „Welches System sollen wir nehmen?» – obwohl genau das die falsche erste Frage ist.

Wer ein ERP-Projekt erfolg­reich auf­glei­sen will, beginnt nicht mit der Software, sondern mit dem eigenen Geschäft. Dieser Beitrag zeigt, worauf es in der Vor­­­be­­rei­­tungs- und Eva­lua­ti­ons­phase wirklich ankommt – und wo die häu­figs­ten Stol­per­steine liegen.

Die zentrale Erkennt­nis: Software ist das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt

Ein ERP-System ist kein Selbst­zweck. Es soll Geschäfts­pro­zesse abbilden, ver­ein­fa­chen und beschleu­ni­gen – nicht umge­kehrt. Wer zuerst eine Lösung auswählt und anschlies­send versucht, die eigenen Prozesse hin­ein­zu­pres­sen, verkehrt die Logik und pro­du­ziert teure Work­arounds, frus­trierte Anwender und ent­täuschte Erwartungen.

Die richtige Rei­hen­folge lautet deshalb:

  1. Ver­ste­hen, wie heute gear­bei­tet wird (Ist-Prozesse)
  2. Defi­nie­ren, wie zukünf­tig gear­bei­tet werden soll (Soll-Prozesse)
  3. Anfor­de­run­gen daraus ableiten (Las­ten­heft)
  4. Markt struk­tu­riert eva­lu­ie­ren (Aus­schrei­bung)
  5. Ent­schei­den – und erst dann implementieren

Diese Rei­hen­folge klingt selbst­ver­ständ­lich. In der Praxis wird sie regel­mäs­sig über­sprun­gen, abge­kürzt oder umgedreht.

Phase 1: Ist-Aufnahme – die ehrliche Bestandsaufnahme

Bevor über die Zukunft gespro­chen wird, muss die Gegen­wart ver­stan­den sein. Das bedeutet: zentrale Geschäfts­pro­zesse end-to-end auf­neh­men – vom Angebot über Auftrag, Beschaf­fung, Pro­duk­tion oder Dienst­leis­tungs­er­brin­gung bis zur Rechnung und Buch­hal­tung. Wer macht was, mit welchem System, mit welchen Daten, an welchen Schnittstellen?

Wichtig: Die Ist-Aufnahme dient nicht dazu, das Bestehende zu zemen­tie­ren. Sie schafft eine gemein­same Fak­ten­ba­sis und macht sichtbar, wo heute Medi­en­brü­che, Dop­pel­er­fas­sun­gen, manuelle Work­arounds oder Daten­si­los exis­tie­ren. Erst wer das Heute kennt, kann fundiert ent­schei­den, was im Morgen anders – oder bewusst gleich – sein soll.

Ein häufiger Fehler in dieser Phase: Die Ist-Aufnahme wird aus­schliess­lich von der IT oder einer ein­zel­nen Abtei­lung gemacht. Damit fehlen ent­schei­dende Per­spek­ti­ven. Vertrieb, Service, Logistik, Finanzen und Pro­duk­tion sehen jeweils einen anderen Aus­schnitt des­sel­ben Pro­zes­ses – und nur das Zusam­men­füh­ren dieser Sichten ergibt das voll­stän­dige Bild.

Phase 2: Soll-Prozesse – die wich­tigste und am häu­figs­ten unter­schätzte Phase

Hier liegt der eigent­li­che Hebel für den Pro­jekt­er­folg. Soll-Prozesse zu defi­nie­ren bedeutet, bewusst zu gestal­ten, wie das Unter­neh­men in drei, fünf oder zehn Jahren arbeiten will. Das ist keine IT-Aufgabe, sondern eine Führungsaufgabe.

Typische Fragen in dieser Phase:

  • Welche Prozesse wollen wir ver­ein­fa­chen, auto­ma­ti­sie­ren oder ganz abschaffen?
  • Wo bringt eine bessere Daten­qua­li­tät echten Mehrwert für Entscheidungen?
  • Welche neuen Geschäfts­mo­delle, Services oder Markt­an­for­de­run­gen müssen wir abbilden können?
  • Wie ver­än­dert sich unsere Branche – und was bedeutet das für unsere Prozesse?
  • Welche Rolle spielen mobile Arbeit, Aus­sen­dienst, Self-Service-Portale, Automatisierung?

Soll-Prozesse sind kein Wunsch­kon­zert, sondern eine bewusste Auswahl. Nicht jeder Prozess muss perfekt sein. Aber jene Prozesse, die wett­be­werbs­ent­schei­dend sind oder heute beson­ders schmer­zen, ver­die­nen beson­dere Auf­merk­sam­keit. Und: Soll-Prozesse müssen rea­lis­tisch und kon­sens­fä­hig sein – ein theo­re­tisch per­fek­ter Prozess, den niemand leben will, ist wertlos.

Wer diese Phase sorg­fäl­tig durch­läuft, hat einen unschätz­ba­ren Neben­ef­fekt: Die Orga­ni­sa­tion hat bereits intern Klarheit geschaf­fen, bevor das erste Gespräch mit einem Anbieter statt­fin­det. Das ver­än­dert die gesamte Dynamik der späteren Evaluation.

Phase 3: Das Las­ten­heft – aus Soll-Pro­­zes­­sen werden Anforderungen

Erst jetzt ist der Zeit­punkt für ein Las­ten­heft. Es über­setzt die Soll-Prozesse in konkrete, prüfbare Anfor­de­run­gen an die zukünf­tige Lösung. Ein gutes Las­ten­heft beant­wor­tet nicht die Frage „Welche Funk­tio­nen wollen wir?», sondern „Was muss die Lösung können, damit unsere Soll-Prozesse funk­tio­nie­ren?».

Bewährte Bestand­teile eines trag­fä­hi­gen Lastenhefts:

  • Funk­tio­nale Anfor­de­run­gen je Pro­zess­be­reich (Vertrieb, Beschaf­fung, Lager, Finanzen, Service usw.)
  • Nicht-fun­k­­tio­nale Anfor­de­run­gen: Per­for­mance, Ver­füg­bar­keit, Ska­lier­bar­keit, Bedien­bar­keit, Mobilität
  • Inte­gra­tio­nen und Schnitt­stel­len zu Vor- und Nachsystemen
  • Com­­pli­­ance- und gesetz­li­che Anfor­de­run­gen – in der Schweiz bei­spiels­weise revDSG, GeBüV, QR-Rechnung, ISO 20022
  • IT-Archi­­tek­­tur und Betriebs­mo­dell: Cloud, On-Premise, Hybrid; Authen­ti­fi­zie­rung; Backup
  • Men­gen­ge­rüste: Anzahl Anwender, Belege pro Jahr, Datenvolumen
  • Klare Prio­ri­sie­rung jeder Anfor­de­rung (z. B. Muss / Soll / Kann)

Letz­te­res ist ent­schei­dend. Ein Las­ten­heft, in dem alles wichtig ist, hilft nie­man­dem – weder dem Anbieter beim Offe­rie­ren noch dem Unter­neh­men beim späteren Ver­gleich. Die ehrliche Prio­ri­sie­rung zwingt zu inneren Ent­schei­dun­gen, die ohnehin früher oder später getrof­fen werden müssen – besser jetzt als nach Vertragsunterschrift.

Phase 4: Struk­tu­rierte Eva­lua­tion statt Bauchentscheid

Mit einem fun­dier­ten Las­ten­heft wird die Eva­lua­tion zu dem, was sie sein sollte: ein struk­tu­rier­ter Ver­gleich, kein Schön­heits­wett­be­werb. Eine bewährte Vorgehensweise:

  1. Long List – Markt­scree­ning rele­van­ter Anbieter (typi­scher­weise 8–15)
  2. Short List – nach erster Bewer­tung 3–5 Kandidaten
  3. Struk­tu­rierte Anbie­ter­prä­sen­ta­tio­nen anhand vor­ge­ge­be­ner Sze­na­rien aus den Soll-Prozessen
  4. Refe­renz­ge­sprä­che mit ver­gleich­ba­ren Kunden des Anbieters
  5. Kom­mer­zi­elle Ver­hand­lung und Vertragsprüfung

Beson­ders die Anbie­ter­prä­sen­ta­tio­nen ver­die­nen Beach­tung. Statt sich gene­ri­sche Demos zeigen zu lassen, sollten konkrete Use Cases aus dem eigenen Geschäft vor­ge­ge­ben werden – idea­ler­weise jene Prozesse, die heute beson­ders schmer­zen oder stra­te­gisch zentral sind. So wird sichtbar, ob die Lösung wirklich zum Unter­neh­men passt – oder nur in der Mar­ke­ting­bro­schüre gut aussieht.

Ersetzen oder behalten? Eine Frage, die ehrlich beant­wor­tet werden muss

Nicht jedes ERP-Projekt muss in einer Ablösung enden. Manchmal zeigt die Eva­lua­tion, dass das bestehende System – allen­falls mit Anpas­sun­gen, Release­wech­sel oder zusätz­li­chen Modulen – die Soll-Prozesse wei­ter­hin tragen kann. Das ist ein gültiges und oft wirt­schaft­lich sinn­vol­les Ergebnis.

Eine Ablösung drängt sich vor allem dann auf, wenn das bestehende System die defi­nier­ten Soll-Prozesse struk­tu­rell nicht abbilden kann, der Her­s­tel­­ler-Support ausläuft, tech­no­lo­gi­sche Schulden den Betrieb gefähr­den oder die Total Cost of Owner­ship unver­hält­nis­mäs­sig wird. Diese Ent­schei­dung lässt sich erst seriös treffen, wenn Soll-Prozesse und Anfor­de­run­gen sauber doku­men­tiert sind – nicht vorher.

Die häu­figs­ten Fehler – und wie man sie vermeidet

Aus zahl­rei­chen Eva­lua­ti­ons­pro­jek­ten lassen sich immer wieder die­sel­ben Stol­per­steine beobachten:

Zu früh über Software sprechen. Wer Anbieter einlädt, bevor die eigenen Soll-Prozesse stehen, lässt sich von Demos die Anfor­de­run­gen dik­tie­ren statt umgekehrt.

Die Geschäfts­lei­tung dele­giert das Projekt voll­stän­dig an die IT. ERP ist ein Geschäfts­pro­jekt mit IT-Kom­­po­­nente, nicht umge­kehrt. Ohne aktives Com­mit­ment der Geschäfts­lei­tung schei­tert es – oder pro­du­ziert ein Ergebnis, das niemand nutzt.

Anfor­de­run­gen werden nicht prio­ri­siert. Wenn alles „Muss» ist, ist nichts entscheidend.

Com­­pli­­ance- und Schweiz-spe­­zi­­fi­­sche Themen werden ver­ges­sen. Daten­schutz, Auf­be­wah­rungs­pflich­ten und natio­nale Stan­dards wie QR-Rechnung oder ISO 20022 gehören explizit ins Las­ten­heft – nicht erst in die Implementierung.

Die Anwender werden zu spät ein­be­zo­gen. Die­je­ni­gen, die später täglich mit dem System arbeiten, müssen schon bei der Soll-Prozess-Defi­­ni­­tion mitreden – sonst ent­ste­hen Lösungen, die theo­re­tisch passen, aber prak­tisch scheitern.

Die Aufwände im eigenen Unter­neh­men werden unter­schätzt. Ein ERP-Projekt bindet interne Res­sour­cen massiv – nicht nur in der IT, sondern in allen Fach­be­rei­chen. Wer diesen Aufwand nicht von Anfang an einplant, riskiert Ver­zö­ge­run­gen oder Qua­li­täts­ein­bus­sen im Tagesgeschäft.

Erfolgs­fak­to­ren auf einen Blick

Erfolg­rei­che ERP-Eva­lua­­tio­­nen haben in der Regel ein paar gemein­same Merkmale: Sie starten mit den Geschäfts­pro­zes­sen statt mit der Software. Sie inves­tie­ren bewusst Zeit in die Soll-Prozess-Defi­­ni­­tion. Sie pro­du­zie­ren ein prio­ri­sier­tes, prüf­ba­res Las­ten­heft. Sie folgen einem struk­tu­rier­ten Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren mit klaren Bewer­tungs­kri­te­rien. Und sie werden von der Geschäfts­lei­tung getragen, nicht nur unterstützt.

Fazit

Die wich­tigs­ten Weichen eines ERP-Projekts werden gestellt, lange bevor eine Software aus­ge­wählt ist. Wer sich die Zeit nimmt, Ist-Prozesse ehrlich zu erfassen, Soll-Prozesse bewusst zu gestal­ten und daraus ein prio­ri­sier­tes Las­ten­heft abzu­lei­ten, schafft die Grund­lage für eine fun­dierte Eva­lua­tion – und damit für ein System, das das Unter­neh­men tat­säch­lich nach vorne bringt.

Die eigent­li­che Frage lautet also nicht „Welches ERP soll es werden?», sondern „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten – und welche Lösung unter­stützt uns dabei am besten?» Wer diese Rei­hen­folge einhält, trifft am Ende nicht nur eine bessere Software-Ent­­schei­­dung, sondern hat auch die eigene Orga­ni­sa­tion auf die Ver­än­de­rung vor­be­rei­tet, die jedes ERP-Projekt mit sich bringt.

Das sagen meine Kunden

«Wir sind als junges Unter­neh­men gestar­tet und inner­halb kurzer Zeit stark gewach­sen. Dabei haben wir uns zunächst mit Tools wie Outlook und Excel beholfen. Mit zuneh­men­der Grösse sind wir damit jedoch schnell an Grenzen gestos­sen. Unsere Prozesse waren nicht opti­miert, und gleich­zei­tig fehlten uns die Res­sour­cen und das Wissen, ein ERP-Projekt selbst struk­tu­riert umzusetzen.

Roman hat uns dabei unter­stützt, unsere Bedürf­nisse sys­te­ma­tisch auf­zu­neh­men und unsere Prozesse im Detail zu ana­ly­sie­ren. Gemein­sam konnten wir die ent­schei­den­den Punkte iden­ti­fi­zie­ren und darauf auf­bau­end ver­schie­dene ERP-Lösungen bei Refe­renz­kun­den eva­lu­ie­ren. So konnten wir eine fun­dierte Ent­schei­dung für eine Lösung treffen, die unsere Anfor­de­run­gen umfas­send abdeckt.

Heute arbeiten wir durch­gän­gig digital – vom Ser­vice­tech­ni­ker bis zum Innen­dienst, ohne Papier und ohne Insel­lö­sun­gen. Durch die Analyse, Opti­mie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung unserer Prozesse konnten wir unsere Effi­zi­enz nach­weis­lich um 30–40% steigern.»

Riccardo Curreli, Geschäfts­füh­rer der pumpenservice.ch ag 

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